Warum rennt man 2 Mal hintereinander quer durch den Grand Canyon?

Das ist die Frage, die man sich wohl viele stellen. Meine Antwort ist recht einfach. 2020 hat uns nicht wirklich planbare Highlights gegeben, also habe ich mir selber eins geschaffen. Da wir im nächsten Jahr aus Arizona wegziehen werden, wollte ich einen Weg haben dem Grand Canyon Goodbye zu sagen. Es hat sich einfach richtig angefühlt dies sportlich zu tun. Ich wusste es gibt Trails und Wege, die man da unten rennen kann. Vom Rim2rim2rim habe ich aber erst bei genauerer Recherche erfahren.

Was ist das also?

Vom südlich höchsten Punkt des Canyons (2200m ü N.N) runter zum Colorado River (700m ü N.N) und hoch zum höchsten nördlichen Punkt des Canyons (2500m ü N.N.). Klingt viel, aber das war nur der Hinweg. Das Ganze dann auch wieder zurück. Ergibt 68km und 4500 Höhenmeter. Klingt erstmal nach einer harten Nummer und ist es im Endeffekt einfach auch. Der Weg ist wunderschön, aber in den steilen Stücken mit Stufen und steilen Abhängen und schmalen Pfaden gespickt. Nichts für reine Trailanfänger. Der Selbstüberschätzungsfaktor ist einfach aufgrund der Unvorstellbarkeit dieses Laufes sehr groß. Ich bin Pro Athlet kann den ganzen Tag trainieren wie ich will, aber ich bin trotzdem kein Ultraläufer oder Trailprofi. Das Ding zieht Energie und man sollte gute Berglaufkräfte mitbringen und die Ausdauer für wesentlich mehr als nur 70km.

Planung & Training

Die Vorbereitungen verliefen recht simpel. Ich lief ein paar 30er und versuchte viele Bergsprints und Trailläufe einzubauen. Da Leben in Tucson bereitete mich auf die Grundhitze vor, zu mindestens theoretisch. Ich verbrachte viel Zeit im Kraftraum, um meine Glutes und Hamstring auf das endlose Treppenrennen vorzubereiten. Jetzt ein paar Tage später kann ich sagen: ja das war mehr als clever. Ich hatte zwar Muskelkater, aber ich bin ohne Piriformis Verletzung etc. aus der Sache rausgekommen. Die Routenplanung war am Einfachsten. Ich habe mir Jim’s FKT angeguckt und beschlossen: das wird die Route. Fertig.

  • South Kaibab Trailhead (kiosk) to Colorado River (north end of bridge)
  • River to Cottonwood Campground (water fountain)
  • Cottonwood Campground to North Kaibab Trailhead (kiosk)
  • North Kaibab Trailhead to Cottonwood Campground
  • Cottonwood Campground to River
  • River to South Kaibab Trailhead and up 😉

Das Ganze wollte ich ursprünglich alleine durchziehen und mit meinem Truck von Tucson hochfahren in der Nähe campen und dann einfach morgens losrennen. Einer meiner Athleten, Michael (wohnt in Atlanta), wurde sein letztes Rennen auch abgesagt. Ich wusste er ist fit genug, um das Ding mit durchzuziehen. Also fragte ich ihn ob er auch Bock hat. Ich musste nicht lange reden und er war auch an Board. Zu zweit ist sowas einfach besser. Man hat jemanden zum Reden und wenn es dir schlecht geht, dann geht es dem anderen meist gut und umgekehrt. Also Im Endeffekt sind wir beide mit unseren Frauen zum Grand Canyon gereist und haben dort unser Lager aufgeschlagen.

Material

Für die Dauer des Events braucht man natürlich entsprechende Verpflegung. Entsprechend habe ich meine Ultimate Direction Race Vest mit einer 2l Blase und 2 500ml Gelflaschen ausgestattet. Da die Tasche hinten sehr dehnbar ist, konnte ich noch run 10 Gels mitnehmen. Außerdem konnte ich meine GoPro und iPhone verstauen. Meine Kopflampe hat nach morgendlichem Gebrauch auch ihren Platz in der Weste gefunden. Ein Packtalent also. Und ja ich hatte sogar Sonnenspray dabei, um immer wieder etwas aufzutragen. Schuhe hatte ich die Hoka One One Mafate 2 am Start und nicht eine Blase oder sonst was. So soll es ein. Die Stirnlampe war von Energize und hat ganze 15$ gekostet, aber das war völlig ausreichend. Mein Running Cap habe ich beim REI in Flagstaff gekauft. Meine Gelflasche 1 war mit 8 MyVitargo Gels gefüllt und die 2. mit dem MyVitargo Carboloader. Die Blase war für Wasser.

Das R2R2R „Raceday“

Wir entschlossen uns so früh wie möglich loszumachen. 3:30 klingelte also der Wecker und 4:30 begannen wir unseren Lauf. Es waren ganze 2 Grad Celsius und ich war „kurz kurz“ am Start. KALT! Also wir jedoch den Abstieg in den Canyon starteten begrüßte uns eine warme Luftmasse und mir wurde schnell warm. Die erste Stunde verging wie im Flug und wir machten schnell unseren Weg runter zum Colorado River. Ich hatte mir es etwas schwieriger vorgestellt im Dunklen die ganzen Treppen runterzurennen, aber es war wie Seilspringen.

Mit jeder Minute erahnte man mehr wo der Weg hingehen sollte. Nach 20min knickte Micha leider etwas um. Das Ganze tat ihm erstmal nichts und wir liefen weiter. Nach einiger Zeit zeigte sich jedoch das er einen nicht ganz so guten Tag erwischt hat und sein Puls wollte nicht wirklich in einem sinnigen Bereich bleiben. Am Tag zuvor beim Aktivierungslauf hatte er auch recht viel trockenen Staub abbekommen, was ihn schon nicht gut schlafen lies. Plus die Höhe und Hitze. Jetzt danach weiß ich ok wir hätten ihn definitiv mehr Tage in der Höhe und Hitze zur Akklimatisierung geben sollen. Wir hatten 2, aber es hätten mind 5 sein sollen. Aufgrund dieser Sachen entschieden wir uns das er den Angel Trail hochgeht (zurück zum South rim) und ich weiter durchziehe. Keine einfache Entscheidung für beide. Er wollte unbedingt durchziehen und ich will keinen zurücklassen. Er versicherte mir ich solle durchziehen und ja es war die richtige Entscheidung. Ich weiß er ist fit und kann die Distanz durchziehen und ich wird das auch noch tun. Heut muss ich aber allein weiter. Er endet den Tag mit 30km und 1500hm. Für einen ekligen Tag richtig stark!!

Die ersten paar Km alleine waren komisch. Es ist verdammt leise im Canyon. Sobald man aber am Seitenarm des Colorado Rivers langläuft begleitet einen dieses Grundrauschen, welches durch die steilen Canyonwände verstärkt wird. Ich habe einen flachen Abschnitt erwartet, der sich über die nächsten 10km streckt. Allerdings ging es stetig bergauf Stück für Stück und es war nie wirklich flach. Das hat mehr gezerrt als ich es gedacht hätte. Die Kilometer liefen dann aber nur so dahin. Mountain Music von Alabama war mein Ohrwurm und ich summte es immer wieder vor mich hin. Die Sonne war bereits aufgegangen und beim Blick zurück sah ich die erleuchteten Kuppen der Berge. Ich hielt alle 15-20 an, um mir etwas zu dehnen. Im North Rim Camp Cottonwood hielt ich an, um Wasser aufzufüllen. Die nächsten Stunden hoch zum North Rim sind nur noch grob in meinem Kopf. Ich hatte ein richtig tiefes Loch. Ich habe viel zu oft an den Notfallhelikopter gedacht für eine Rettung. Aber selbst, wenn ich hatte keinen Handyempfang, um ihn zu rufen und das Notfalltelefon war bereits hinter mir. Der Anstieg zum North Rim war einfach nur die Hölle. Auf den letzten Metern strahlte mir die Sonne das erste Mal ins Gesicht und ich kehrte nach der letzten Stufe sofort um und rannte eine Stunde lang nur bergab. Das half mir aus meinem Loch zu kommen und schoss mich direkt in ein Hoch, wie ich es selten hatte. Ich hatte Gänsehaut und Freudentränen, die Berge und Landschaft zu sehen. Dieses Hoch trug mich komplett bis zum Fuße des South Rims. Dort im Camp angekommen war der Akku auf einmal mehr als leer. Mir steckten bereits 56km in den Beinen und ich musste diese verdammte Wand noch hoch. Ich sah den Kiosk und kaufte mir eine 5$ Lemonade und könnte mir eine 15minütige Pause. Im Nachhinein vlt. ein Fehler…

Der Anstieg zum South Rim war einfach nur brutal. Ich war leer. Ich machte aber dennoch den Deal mit mir selber hier jetzt schnell hochzugehen. Nun ja das ging 2km und dann war es ein 500m gehen und dann 5min Pause im Schatten Game. Es waren mittlerweile 38 Grad und jeder Schritt ein Kampf. Ein weiteres Super Tief. Ich habe an Zuhause gedacht meine Frau, meine Hunde und wollte einfach nur fertig sein. Und dann die Rechnung im Kopf noch mind. 2h von dieser Sche***. Nun ich wollte es so. Nach einem schier endlosen Kampf gegen die Sonne und den Berg kam ich endlich oben an. 10h und 8:30 pure Laufzeit. Leider war das rund 2h schneller als geplant und entsprechend war keiner da, um mich zu empfangen. Also lief ich einen Kilometer bis zum Truck und fuhr ins Hotel. Wir feierten den Tag mit mexikanischem Essen und fuhren am nächsten Tag die 5h nach Tucson. Dort abends angekommen war mein Hirn Matsch wie schon lange nicht. Das hat gute 48h gedauert eh es sich legte und auch meine Beine wieder funktionierten. Das Ganze Ding hat mir definitiv einiges abverlangt. Nicht nur körperlich… Dennoch ich denke es ist absolut empfehlenswert. Meine Arizona Abschiedstour hätte nicht besser starten können. Jetzt gibt es noch einige Sachen rund um Tucson von der Bucketlist zu streichen und dann bin ich bereit für unseren Umzug im April.

Meine Garmin war leider ein Totalausfall. Ich hatte schon etwas bedenken als sie die letzten Runs innerhalb von 30min 20% Akku verloren hat, aber der Canyon war wohl zu viel. Falls jemand eine Uhrempfehlung hat, welche zum Laufen und auch hiken gut ist: her damit! Hatte schon mal auf die Fenix geschaut… fboegge @ gmail.com

Danke für das Lesen und verfolgen des Laufes. Ich wünsche euch fitte Beine und einen guten Kopf auf euren Abenteuern

 

Flo

Hier das Video dazu: